Machen Sie sich ein Bild von mir
  • 21./ 22.07.2001
Neue Westfälische

Helfen und Praxisluft schnuppern

Landtagsabgeordneter Günter Garbrecht beim Ferieneinsatz im Altenheim Wilhelm- Augusta- Stift
„Solche Freiwilligen, die nicht nur mal ein bis zwei Stunden, sondern tageweise helfen, können wir mehr brauchen“, sagt Sabine Linnemann, Pflegedienstleiterin im Altenheim Wilhelm- Augusta- Stift der Arbeiterwohlfahrt (AWO) über den Landtagsabgeordneten. Der SPD- Mann, der noch vor einem Jahr als Werkzeugmacher sein Geld verdient hat, nutzt die parlamentarische Sommerpause, um ehrenamtlich zu helfen – und für seine weitere sozialpolitische Arbeit Praxisluft zu schnuppern.
Seit Montag ist er für fünf Tage in der AWO- Einrichtung in Sieker im Einsatz: immer von 7 bis 14:30 Uhr. „Er kommt ganz pünktlich“, versichert Ursula Stahl, Chefin der Wohnebene, der Garbrecht zugeteilt wurde. Während des Pressegesprächs schaut er zur Uhr. „Nichts mit Ruhepause, jetzt muss ich Frau Bergmann zur Gymnastikstunde zu bringen.“
Die steht auch schon parat, hakt sich „bei dem großen Mann“ ein. Ganz langsam und mit Bedacht führt er sie zum Lift, passt auf, dass sie sich drinnen festhält, bevor es abwärts geht.
„Gerade im Jahr des Ehrenamtes halte ich es für wichtig, dass Politiker mit gutem Beispiel voran gehen und freiwillige Arbeit leisten, wie Millionen andere Bürger, ohne deren Hilfe die pflegerische Arbeit gar nicht zu schaffen wäre“, begründet der 51- jährige sein Ferienengagement. „Es ist auch gut, mehrere Tage zu bleiben, denn da erhält man ganz andere Einblicke. Ich ziehe meinen Hut vor den Mitarbeitern hier, aber auch vor den Familienangehörigen, die zu Hause pflegen.“
In den ersten Stunden habe es ihn irritiert, dass manche der verwirrten Bewohner laut schreien oder sonstige Geräusche machen. „Als Außenstehender vermutet man, dass die hier schrecklich gequält werden müssen.“
Gleich positiv aufgefallen ist ihm dagegen, „dass es hier im Haus Vögel und sogar eine Katze gibt“. „Die Bewohner dürfen ihre Haustiere gerne mitbringen“, erläutert Sabine Linnemann. Morgens hat Garbrecht schon, soweit es den Betroffenen recht war, beim Fertigmachen geholfen. Seine Praxisanleiterin Erna Trippel versichert, er stelle sich gut an; auch anschließend beim „Essen reichen“. Dass der Ausdruck „Füttern“ verpönt ist, wurde dem Politiker sofort beigebogen. „Gefüttert werden nur die Gänse“, sagt Sabine Linnemann.
Der ehrenamtliche Helfer ist eingeteilt, dafür zu sorgen, dass drei schwer pflegebedürftige, verwirrte Bewohner morgens und mittags satt werden: den gefüllten Löffel hinhalten, gut zureden, dass sie den Mund aufmachen, loben, dass sie geschluckt haben. Er selbst hat bei den Senioren kein Lob geerntet. Von einer älteren Dame wurde er anschließend sogar mächtig beschimpft. „Dabei dürfen sie sich nichts denken, uns geht das bei ihr ganz genauso“, tröstet ihn Erna Trippel. „Als Politiker habe ich schon gelernt, in solchen Fällen auf Durchzug zu stellen“, versichert ihr Garbrecht.
In der kommenden Woche will er noch den Arbeitsbereich „Betreutes Wohnen“ der von- Bodelschwinghschen Anstalten helfend kennen lernen: das Tageszentrum Brackwede sowie die drei Projekte „A&F“, „Vielfalt“ und „Vis-a-vis“.