Statement:

  • 03. September 2012
Statement zum gefälschten Leserbrief vom 1. September

Von Fälschern , der Presse und der klammheimlichen Freude.

Statement

Von Fälschern , der Presse und der klammheimlichen Freude.

In der Samstagausgabe der Neuen Westfälischen vom 1. September war ein Leserbrief eines sogenannten Professors Höfele zu lesen, der sich gegen eine Bundestagskandidatur von Dr. Nicolas Tsapos richtet.
Dieser Brief war ehrabschneidend, persönlich herabsetzend. Bei Abgeordnetenwatch wäre ein solcher Text nicht veröffentlich worden. In der Lokalpresse legt man offensichtlich andere Maßstäbe an. Nun war wohl schon am Sonnabend klar:Ein Professor Höfele existiert hier nicht. Weder im Bielefelder Telefonbuch – es war ja die Postleitzahl 33619 angegeben – noch im Netz fanden sich Spuren seiner angegebenen wissenschaftlichen Profession. Ein Fake, so die Vermutung, wenn nicht der Name falsch war.
Und richtig. Heute am Montag die Richtigstellung in der NW:
„Der Leserbrief „Genug Hinterbänkler“ zur Bewerbung von Ratsherr Nicolas Tsapos für die Bundestagskandidatur der Bielefelder SPD, den wir in unserer Samstagsausgabe an dieser Stelle abgedruckt haben, ist gefälscht. Er war mit einem falschen Namen unterzeichnet, der allerdings mit einer existierenden Adresse versehen war. Inzwischen wissen wir, dass das Haus mit dieser Adresse seit Jahren leer steht und von einem ‚Professor Höfele‘ dort weit und breit keine Spur ist. Wir bitten um Entschuldigung. Wir nehmen diesen Vorfall zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass Leserbriefe nur abgedruckt werden, wenn die vollständige Adresse und die Telefonnummer des Autoren beigefügt sind“.
Wenn die Angabe der Telefonnummer in der Redaktion obligatorisch gewesen wäre, hätte der gefälschte Leserbrief keine Chance der Veröffentlichung gehabt.
Die Aufdeckung dieser Fälschung habe ich im Wesentlichen angestoßen:

www.facebook.com/guenter.garbrecht

Mit Leserbriefen politische Meinungen zu beeinflussen, ist gängige und alltägliche Praxis. Politische Parteien motivieren ihre Anhänger, sich in den Leserbriefrubriken der Zeitungen zu äußern im Sinne der eigenen politischen Position. Die sozialen Netzwerke im Netz sind voll dieser Äußerungen, im Wesentlichen selbstbestimmt. Aber es kommt immer wieder zu organisiertem Missbrauch. Dieser Missbrauch ist vielfältig. Fast ausschließlich wird er zur Bestärkung der eigenen politischen Position gebraucht. Leserbriefe werden professionell von PR Agenturen verbreitet. Hier ein Link zu gefakten Interviews: http://www.fr-online.de/politik/fake-interview-mit-mcallister-der-pressesprecher-opfert-sich-,1472596,16881766.html ; z. B. ist die deutsche Bahn zusammen mit Stuttgart 21 damit aufgefallen. Und, auch das wird deutlich, keine politische Richtung hat hier einen Heiligenschein verdient.
Viele haben sich mit der Maßgabe auf den Weg gemacht, das öffentliche Meinungsbild beeinflussen zu wollen.
Auch Lobbygruppen zählen dazu: Wirtschaftsverbände sowie Pharmaindustrie gründen,initiieren und fördern Selbsthilfegruppen, vorbereiteten Statements, bieten fertige Beiträge für Lokalsender – all das gehört zum Medienalltag in Deutschland. Qualitätsjornalismus bleibt vielerorts auf der Strecke.
Nach diesem kleinen Ausflug nun zurück zu Leserbrief.
Wurde dieser nun von Anhängern der eigenen Mitbewerber lanciert, nachdem die NW durch anonyme Hinweisgeber das Feld bereitet hatten? Ich habe keinen Grund zur Annahme, solch parteischädigendes Verhalten in der Bielefelder SPD zu suchen und halte dies für ausgeschlossen.
Und wenn doch jemand klammheimliche Freude entwickelt haben sollte, wird sie ihm oder ihr nun im Halse stecken bleiben.
Leserbriefe dieser Art gehören leider zum politischen Geschäft in Deutschland. Wer im Netz recherchiert wird fündig. Er wird aber ausschließlich Beispiele finden, in denen sich der jeweils politische Gegner dieses Instrumentes in herabsetzender Weise befähigt.
Dieser Verhalt bestätigt mich in meiner Auffassung:
Texte sind auch verräterisch. Sprachwahl und Duktus führen in die Richtung.
Da geht es um den Begriff Nepotismus:
„Nepotismus“ ist ein bildungssprachlicher Begriff[2] und außerhalb des Bildungsbürgertums fast unbekannt. Das von nepos abgeleitete Wort Nepot für einen (meist in der Politik) begünstigten jüngeren Verwandten ist veraltet und weitgehend unbekannt.“ (vgl. Wikipedia) Als Bildungsbürgertum als spezifische Mitgliedsschicht eher rar gesät.
Diese Passage ist entlarvend: „ Im Berliner Reichstag wimmelt es bereits von Hinterbänklern aller Couleur; auf einen abgehalfterten Wohlfahrtsverbandler wie Dr. Tsapos wird man in Zeiten, in denen auch hintere Bänke knapp werden, dort kaum warten“.
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. Es wird von Reichstag gesprochen: Ja der Bundestag tagt im Reichstag. Aber es sind Wahlen zum deutschen Bundestag und nicht zum Reichstag.
Wer kann sich an die Auseinandersetzung um den Namen erinnern. Es war die politische Rechte, die rechtskonservativen Kräfte die den Namen Reichstag als alleinige Bezeichnung wollten.
Dies legt nahe, den gefälschten Leserbrief in der Ecke des politischen Gegners zur Rechten zu vermuten.