Pressespiegel:

  • 31. Januar 2013
Am 31. Januar 2013 erschien in der NW:

„Viele Leben hängen am seidenen Faden“

Gesundheitsexperten besichtigen das Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen
Politik

„Viele Leben hängen am seidenen Faden“
Gesundheitsexperten besichtigen das Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen / Ausschuss fordert mehr Sicherheit im System der Organtransplantation

VON MATTHIAS BUNGEROTH


Bad Oeynhausen. Jan Gummert ist zutiefst besorgt. Der Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen legt für den Monat Januar bedenkliche Zahlen vor. Kaum die Hälfte der Herztransplantationen, die medizinisch erforderlich gewesen wären, hat das nach eigenen Angaben größte deutsche Herztransplantationszentrum durchführen können. Erst drei Transplantationen konnten im Januar realisiert werden, so Gummert.


Viel zu wenig für den Bedarf, den es gibt. Aktuell warten 280 Patienten in Bad Oeynhausen auf eine Herztransplantation, so Gummert. Bundesweit liegt diese Zahl sogar bei 900. „Das Schicksal der Menschen hier rührt an“, sagt Ulrike Wirges, Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), nach einem Rundgang durch das HDZ.


Hauptgrund für die Misere: Die Zahl der Menschen, die nach ihrem Tod Organe für eine Transplantation zur Verfügung gestellt haben, ist nach den Manipulationsvorwürfen gegen Ärzte bei der Organvergabe im vergangenen Jahr massiv zurückgegangen. 12.000 Menschen in Deutschland stehen laut DSO auf der Warteliste für eine Transplantation. „Derzeit sterben täglich drei Menschen aufgrund mangelnder Organspende“, schreiben die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des NRW-Landtags in einer Erklärung, die sie nach einer Tagung in Bad Oeynhausen fraktionsübergreifend verabschiedet haben. „Die aktuellen Vorwürfe gegen einzelne Mediziner stehen mit der sinkenden Spendenbereitschaft im Zusammenhang.“


Die Politiker unter der Führung des Ausschussvorsitzenden Günter Garbrecht aus Bielefeld (SPD) setzen sich dafür ein, das Vertrauen ins System der Organspende wiederherzustellen.


Eine Schlüsselforderung verdeutlicht Barbara Steffens (Grü-ne), NRW-Gesundheitsministerin, die ebenfalls nach Bad Oeynhausen gekommen ist. „Die Fenster, in denen kriminelle Energie wirkt, müssen wir kleiner machen. Wir brauchen eine Patientenakte, in der alle relevanten Vorgänge fälschungs- und manipulationssicher dokumentiert werden“, ist die Überzeugung der Ministerin. Diese so gesicherte elektronische Akte sei ein guter Schutz gegen Manipulationen bei der Organvergabe, denn Einträge dort könnten niemals im Nachhinein einfach gelöscht werden. Am kommenden Freitag will Steffens eine Entschließung in den Bundesrat einbringen, die die Bundesregierung auffordern soll zu prüfen, welche gesetzlichen Regelungen nötig sind, um eine solche Akte einzuführen.


„Wir brauchen eine bundesweit einheitliche Regelung“, ist Steffens sicher. Die Politiker bekommen bei ihrem Vorstoß Rückenwind vom HDZ. „Das kann ich nur begrüßen“, sagt Chefchirurg Gummert. Man sei im HDZ mit der elektronischen Akte intern schon sehr weit. Zudem befürwortet Gummert auch externe Kontrollen, etwa durch hierfür anerkannte Institute. „Wir haben nichts zu verbergen“, so Gummert.


Mit all diesen Schritten sowie den Transplantationsbeauftragten, die in den Entnahmekrankenhäusern eingesetzt werden müssen, sind die Experten sicher, wieder eine gute Grundlage für Vertrauen ins Transplantationssystem herstellen zu können.


Dass dies bitter nötig ist, verdeutlichen wieder einmal die Zahlen. In ganz Nordrhein-Westfalen gab es im Monat Januar lediglich zwölf Organspenden, wie Ulrike Wirges berichtet. „Hier in Bad Oeynhausen bekommt man mit, wie viele Leben am seidenen Faden hängen“, fügt sie hinzu.


Ministerin Steffens sagte am Rande ihres Besuches, dass sie es nicht für notwendig halte, die Zahl der 48 bundesweiten Transplantationszentren zu verringern. Das gelte auch für NRW. Steffens: „Ich glaube, dass wir mit neun Zentren das Maß an Dezentralisierung haben, was wir brauchen.“


Die Zahlen sind dramatisch: Ganze drei Herztransplantationen konnte das Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) in Bad Oeynhausen im Januar vornehmen. Politiker schlagen Alarm.