Statement:

  • 16. April 2013

Kompendium - Brände und Brandgefahren in Pflegeheimen von NRW

Panikmache oder Qualitätsjournalismus?

„Jährlich werden 45 bis 50 Brände in Senioren- bzw. Altenpflegeheimen, in Begegnungs- und Pflegezentren oder ähnlichen Einrichtungen bekannt. Dabei sterben bis zu 20 Personen, 150 werden verletzt.“ http://www.feuerwehr-ub.de/category/stichwortverzeichnis/seniorenheieme

In der NW vom 10.3. wird der Verfasser Frank-Dieter Stoll dann so zitiert: „Jede Woche brennt es in einem deutschen Altenheim.“
Welcher Beleg wird für diese Aussage gebracht? Im Artikel – keine!
In „Brandschutz kompakt“, Herausgeber: Der Bundesverband Technischer Brandschutz e.V. (bvfa) 1972 gegründet durch Errichter für Wasser-Löschanlagen und Spezial-Löschanlagen sowie Hersteller der Feuerlöschgeräte-Industrie
findet sich ein Hinweis in Ausgabe 1/ 2009.
https://docs.google.com/viewer?a=v&q=cache%3AnouDaWmMgHoJ%3Awww.bvfa.de%2Febook-download%2F9%2F+brandschutz+altenheim&hl=de&gl=de&pid=bl&srcid=ADGEESiUqLKlOdcwLlDMQld-d9I8HNIhb0IggJT-Kph1GhEImzrIHAZfjdw2vXMesP91JjmMI2ABYiTXZhknvC3hyiRaq3ptv8tcRSs4OI1OZcow8uC2jg1E9G87PpJchfoAaeEEBdKx&sig=AHIEtbT_jRqKqmJdt26wHXMm28C9fx1lRA
Hier findet sich dann die Fußnote 3 „Brandschutz in Altenpflegeheimen“; Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung, 2003
Im Vorwort auf Seite 3 dieser Broschüre findet sich dann folgender Text:
„Alle 7 Tage brennt es im Altenheim!“
„Brand im Altenheim S. – vier Frauen sterben“
„Heiligabend 2001: sechs Heimbewohner ersticken grausam im Rauch des Feuers“
Jährlich werden 45 bis 50 Brände in Altenheimen, Altenpflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen bekannt. Bei diesen Bränden sterben jährlich bis zu 20 Personen, 150 werden verletzt.“
Weitere Belege finden sich nicht.
Aber aus dem schon zitierten „Brandschutz kompakt“ 01/2009 auf S. 2 der Hinweis auf einen Klaus Wichert:
„Klaus Wichert hat für eine Studie 21 Jahre lang (von 1980 bis 2001) Zeitungsmeldungen ausgewertet. Sein Resultat: Alle 14 Tage brennt es in einem deutschen Krankenhaus, sogar alle sieben Tage bricht in einem Altenheim irgendwo im Land ein Feuer aus. Gerade hier sind es häufig die Patienten selbst, die durch Unachtsamkeit oder Vergesslichkeit den Brand auslösen, Kerzen brennen lassen oder Elektrogeräte nicht ausschalten. Ein großer Risikofaktor sind Patienten, die heimlich rauchen und dann ihre Zigarette irgendwo »verschwinden« lassen.“
Wer ist dieser Klaus Wichert, der von einer Vielzahl von Brandsachverständigen in ihren Power-Point -Vorträgen zitiert wird.
Auf Brandschutzforum.net wird man fündig :
http://www.vbbd.de/forum3.vbbd.de/htdocs/viewtopic.php?f=2&t=235 „Da ich ein Evakuierungssystem für Altenheime und Krankenhäuser vertreibe, habe ich mir die Mühe gemacht und eine Datenbank über Brände in Altenheimen und Krankenhäuser erstellt. Diese anfangs kleine Datenbank ist nun auf 399 Brände gestiegen und wird zum Jahreswechsel ca. 450 Brände betragen. Die Auswertung der Brände, sowie diverse interessante Videoschnitte über Evakuierungsmaßnahmen haben heute eine Datenmenge von ca. 650 MB erreicht.
Diese Datei wird von mir immer wieder weitergeführt und hat heute einen Stand vom 31.07.2001.
Wer Informationen über Brände in Altenheimen und / oder Krankenhäuser hat kann diese mir gerne als E.Mail zusenden. Wer diese Datei selber haben möchte brauch mir nur eine E.Mail mit seiner Adresse zu senden damit ich Ihm eine CD übersenden kann. ( Kostenfrei ) Alle Datei dürfen zu Ausbildungszwecken selbstverständlich genutzt werden.“
Von einer Aktualisierung ist nichts bekannt. Im Internet lässt sich Aktuelleres nicht finden. Resümee: Von den Lehrbeauftragten des Institutes der Feuerwehr in NRW, dem Feuerschutzdezernent, den vielen Experten, sie stützen sich alle auf Veröffentlichungen von 1980 bis 2001. Was sind das für Experten?
Ab 2011 gelten neue Rechtsvorschriften. Mit Inkrafttreten des Wohn- und Teilhabegesetzes (WTG) am 10. Dezember 2008 ist die Krankenhausbauverordnung für neu zu errichtende Einrichtungen mit Pflege- und Betreuungsleistungen (dazu zählen unter anderem auch Einrichtungen der Betreuung im Bereich der Pflege) nicht mehr anzuwenden.
Bis zu diesem Zeitpunkt galt aber die Krankenhausbauverordnung.
Die Brandschutzanforderungen der Krankenhausbauverordnung gegenüber den neuen Rechtsvorschriften als „Risiko“ darzustellen, ist besonders fahrlässig.
Als Rückschluss könnte auf ein besonderes Brandrisiko bei Krankenhäusern geschlossen werden.
Das Land NRW reagiert auf die Veränderungen bei den zu Pflegenden in den stationären Pflegeeinrichtungen im Land.
In den neuen Vorschriften wird in den Erläuterungen auch auf die besonderen Sicherheitsnotwendigkeiten hingewiesen:“ Das Brandrisiko und das sich daraus ergebende Gefahrenpotenzial in Einrichtungen mit Pflege- und Betreuungsleistungen ist erheblich größer als etwa in „normalen“ Wohnungen oder auch in Krankenhäusern, weil die Bewohner vielfach in ihrer Mobilität eingeschränkt
sind oder wegen Demenz-Erkrankungen in Gefahrensituationen nicht adäquat reagieren können und der Hilfe anderer bedürfen.“ Das Land und der Gesetzgeber sehen die besonderen Herausforderungen und Sicherheitsbedürfnisse. Wir gehen damit verantwortlich handelnd und nicht alarmistisch warnend um.
Die Feuerwehr sieht eine regelmäßige Verbesserung des Sicherheitsstandards in Pflegeheimen .Auch die Herforder Polizei bescheinigt bei dem Brand in Enger mit Rauchmeldeanlage das Funktionieren einer vorbildliche Rettungskette.
Ganz abstrus wird es bei Dr. Volker Meyer, Vorsitzender des Vereins „Mission sicheres Zuhause“ „Das Risiko, in einer Altenpflegeeinrichtung infolge von Rauch und Flammen zu sterben, ist fünfmal höher als das in der Durchschnittsbevölkerung“, sagt er. Weil die Heimbewohner „keine Lobby haben“ und sich in einem Brandfall aufgrund körperlicher oder geistiger Defizite häufig „nicht mehr aus eigener Kraft retten“ könnten, sei es ihm „eine Herzensangelegenheit, auf Defizite in diesem Bereich hinzuweisen“.
Volker Meyer ist auch tätig in der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V und hier Vorsitzender des Referates 12 Brandschutzaufklärung und-erziehung.
Auf dessen Internetseite: http://www.vfdb.de/Referat-12.93+M57e137aa0b1.0.html findet sich folgende Beschreibung:

„Jährlich ereignen sich in Deutschland zirka 230.000 Wohnungsbrände. Dabei sterben zirka 600 Menschen und 6.000 bis 10.000 Brandopfer erleiden zum Teil schwerste Brandverletzungen, die mit dauerhaften Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit einhergehen.
Häufige Auslöser von Wohnungsbränden sind einerseits technische Schwachstellen wie schadhafte elektrische Leitungen, defekte Sicherungen und fehlerhafte Elektrogeräte. Andererseits entsteht ein erhöhtes Brandrisiko vor allem durch den leichtsinnigen Umgang mit Feuergefahren: Die brennende Zigarette im Bett, die unbeaufsichtigte Kerze, mit Feuer spielende Kinder und sorgloses Verhalten in der Küche. Besonders in der dunklen Jahreszeit häufen sich Brandunfälle, die von Unkenntnis und Nachlässigkeit gegenüber Feuergefahren zeugen.“
Einen Nachweis über das beschriebene Risiko findet sich nicht.
Eine Auflistung von Brandunfällen in Pflege- und Behinderteneinrichtungen zeigt ein anders Bild der Aktion „sicheres Zuhause“:
http://www.brandschutzaufklaerung.de/Appell/Uebersicht%20Brandereignisse%2025%2002%202013.pdf
Hier wird Panikmache überdeutlich.
Was ist mein Resümee?
Nicht nur die Pharmaindustrie sponsert gesundheitliche Selbsthilfe. Auch in der Brandprävention gibt eine große Nähe zu den Herstellern von Feuerlöschern und sonstigen Brandschutzartikeln. Also: Großes Misstrauen gegenüber zitierten Experten. Vertrauen in die örtliche Feuerwehr!
Dieser Text ist als Meldung auf meinem facebook-Profil am 10. März erschienen.

Hier noch der Artikel aus der Neuen Westfälischen vom 9. März. Zudem finden Sie beigefügt den Bericht der Landesregierung zu dem Thema aus der Sitzung des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales vom 10. April 2013:

Politik
Feuergefahr in Pflegeheimen besonders groß
Risiko fünfmal höher als im Durchschnitt / Probleme mit Sicherheitsstandards

VON HUBERTUS GÄRTNER

Bielefeld. Der Brandschutz in Alten- und Pflegeheimen lässt trotz zahlreicher Vorschriften und Warnanlagen zu wünschen übrig. Experten warnen vor den Gefahren. Sie würden unterschätzt und tabuisiert. Vor allem in älteren Einrichtungen könne es zu Problemen kommen, wenn sie nicht auf dem neuesten Stand sind, sagt Karsten Weber, Feuerschutzdezernent im Regierungspräsidium Detmold.

Erst vor zwei Wochen war in einem Wohn- und Pflegezentrum in Enger (Kreis Herford) ein Feuer ausgebrochen, weil ein Bewohner vermutlich mit Kerzen hantiert hatte. Sechs Opfer wurden verletzt, eines davon schwer. In Enger habe die Rauchmeldeanlage angeschlagen, auch die weiteren Alarmierungs- und Rettungsketten hätten „vorbildlich“ funktioniert, sagt der Herforder Polizeisprecher Uwe Maser. Das ist aber nicht immer der Fall.

„Jede Woche brennt es in einem deutschen Altenheim“, sagt Frank Dieter Stolt im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist Brandschutzsachverständiger und Lehrbeauftragter am Institut der Feuerwehr NRW. Sicherheitsexperte Stolt hat sich mit der Thematik intensiv beschäftigt und die genannte Zahl anhand von offiziellen Meldungen und Berichten erhoben. Darüber hinaus gebe es sogar noch eine „Dunkelziffer der Brandfälle“, glaubt Stolt, denn aus „Angst vor Imageverlust“ würden viele kleine Brände nicht gemeldet und vom Personal gelöscht. Zur Überzeugung von Stolt hat die Brandgefahr in Alten- und Pflegeheimen in den letzten Jahren „nicht ab-, sondern zugenommen“.

„Das Risiko, in einer Altenpflegeeinrichtung infolge von Rauch und Flammen zu sterben, ist fünfmal höher als das in der Durchschnittsbevölkerung“, sagt Volker Meyer, Vorsitzender des Vereins „Mission sicheres Zuhause“. Weil die Heimbewohner „keine Lobby haben“ und sich in einem Brandfall aufgrund körperlicher oder geistiger Defizite häufig „nicht mehr aus eigener Kraft retten“ könnten, sei es ihm „eine Herzensangelegenheit, auf Defizite in diesem Bereich hinzuweisen“.

Während sich mehrere Heimbetreiber auf Anfrage nicht äußerten, warnen Feuerwehrleute vor einer Dramatisierung des Problems. „Das Sicherheitsniveau ist in diesem Bereich in den letzten Jahren verbessert worden“, sagt Bernd Heißenberg von der Bielefelder Feuerwehr. Regelmäßig würden Brandschauen durchgeführt und die baulichen und technischen Sicherheitssysteme überprüft. Im März 2011 wurde in NRW eine verschärfte Richtlinie zu den Sicherheitsanforderungen in Pflege- und Betreuungsheimen erlassen, aber alte Einrichtungen haben Bestandsschutz. Gerade hier ließe sich noch einiges verbessern, sagt Martin Klimmek vom Institut für Schadensverhütung in Kiel. Bisweilen seien in Zimmern noch „Herdplatten verbaut, die alte Leute nicht mehr bedienen können“.

Die Heime selbst stünden vor einem „fast unlösbaren Zielkonflikt“, sagt Sicherheitsexperte Stolt. Einerseits wollten sie eine wohnliche Atmosphäre mit Dekorationen und Leuchten schaffen, andererseits bringe das auch höhere Brandgefahren mit sich. Auch die Tatsache, dass immer mehr demente Menschen in den Heimen leben, erhöhe das Brandrisiko. Zudem werde stark am Pflegepersonal gespart. „Zwei Drittel aller Brände passieren nachts – wenn nur wenige Kräfte im Einsatz sind.“