Statement:

  • 14. Oktober 2013
Statement von Sozialexperte Günter Garbrecht über Kinder gehörloser Eltern und die Wichtigkeit der Übernahme der Kosten von Dolmetschern

Inklusion ist nicht automatisch nur Schule, sondern das ganze Leben

Inklusion ist nicht automatisch nur Schule, sondern das ganze Leben

Statement von Sozialexperte Günter Garbrecht über Kinder gehörloser Eltern und die Wichtigkeit der Übernahme der Kosten von Dolmetschern


Man muss ja dankbar sein über einen Pressebericht, der das Thema auf eine breitere Grundlage stellt und damit gleichzeitig die vielen Facetten von Behinderung und ihrer Problemlagen öffentlich macht (vgl. „Ein Kind zwischen zwei Welten“, Neue Westfälische, 14.10.2013). In der Tat sind hörende Kinder nichthörender Eltern ein nur teilweise gelöstes Problem.
Der Titel des Artikels ist gut gewählt: „Ein Kind zwischen zwei Welten“, aber auch inhaltlich verweist dieser Artikel auf einen Umstand, der viel zu selten angesprochen wird. Ja, es besteht die begründete Gefahr, dass die Verantwortungsübernahme dieser Kinder altersunangemessen sein kann.

„Hörende Kinder gehörloser Eltern wachsen in der Regel bilingual auf
Kinder gehörloser Eltern bei Kommunikationsbarrieren der Eltern oftmals ein Sprachrohr zur hörenden Welt CODA können schon sehr früh in ihrer Entwicklung in die Rolle eines Dolmetschenden oder eines Sprach- und Kulturmittlers gelangen. Solche Erfahrungen können für die Kinder durchaus positiv sein.
Allerdings kann es in komplexen Situationen auch zu Überforderungen kommen, wenn die Kontexte die kindliche Rolle und Reife übersteigen. Dies kann z.B. bei Bankgeschäften oder Vertragsabschlüssen der Fall sein.

Gehörlose Eltern geraten womöglich in eine Abhängigkeit zu ihren hörenden Kindern und die Kinder übernehmen quasi elterliche Aufgaben.
Durch die Professionalisierung des Berufsbildes des Gebärdensprachdolmetschens hat sich diese Rolle der Kinder sicherlich in den letzten zwanzig Jahren entschärft.“
Die war ein kleiner Ausriss aus dem Gutachten, das der Ausschuss Arbeit, Gesundheit und Soziales in der Sitzung vom 11.09.2013 Unter dem Tagesordnungspunkt „Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Hörschädigung in unterschiedlichen Lebenslagen in NRW.“ diskutiert hat.
Das Gutachten kann hier abgerufen werden: http://landtag/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument?typ=P&Id=MMV16/1085&quelle=alle&wm=1&action=anzeigen
Die Problemlage hat also das nordrhein-westfälische Parlament erreicht.
Auf der Grundlage einer Petition Betroffener hat sich der Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales mehrfach mit diesem Sachverhalt beschäftigt. Auch im Plenum des Landtages war dies Thema. In dem von der Landesregierung vorgelegten Plan „NRW Inklusiv“ vom Juli 2012 ist die Problemstellung bereits aufgenommen. Grundlage der Beratung war die Vorstellung eines Gutachtens, welches von Frau Professorin Dr. Dr. Mathilde Niehaus und Herrn Professor Dr. Thomas Kaul erläutert wurde. Ziel der Studie die das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales (MAIS) 2011 in Auftrag gegeben hat, war es: „…, den Inklusionsstand gehörloser, schwerhöriger, ertaubter und taubblinder Menschen in NRW zu erheben. Dabei soll untersucht werden, inwieweit bestehende rechtliche Vorgaben formal und inhaltlich umgesetzt sind und in welchen Bereichen Versorgungsdefizite und Teilhabebarrieren bestehen.“

Die Bedeutung des Dolmetschers für Gehörlose wird im Artikel der NW richtig beschrieben. Bei Behördengängen, Arztterminen, etc. wird ein Gebärdendolmetscher gestellt.
Dies geschieht nach Maßgabe der Kommunikationshilfeverordnung. Diese sieht bisher keine Unterstützung gehörloser Eltern bei allen Elternabenden vor. Nur als Verwaltungsakte anzusehende Termine wie die Wahl der Schulpflegschaft und die Versetzung sind darunter gefasst. Das Erziehungsrecht dieser Eltern ist damit aber nicht gewährleistet. Insgesamt ist die Mitwirkung der Eltern bei der Teilhabe am Leben bei Beibehaltung dieser Form nicht gesichert.
Insgesamt reden wir von rund 1.200 Kindern mit Familienangehörigen, die gehörlos sind.
In NRW arbeiten zurzeit etwa 120 Gebärdensprachdolmetscherinnen und –dolmetscher für ca. 12.000 gehörlose Menschen. Ohne mehr ausgebildete Gebärdendolmetscher werden sich lange Warte- und Anmeldezeiten nicht vermeiden lassen. Die Problemlage ist dabei vielschichtig.
Die Leistungsansprüche auf Kommunikationshilfen sind in dem oben erwähnten Gutachten auf S. 131 ff für die einzelnen Lebensbereiche aufgeführt. Kosten und Verantwortung sind je nach Tatbestand und Lebenslage sehr unterschiedlich geregelt. In der Zuständigkeit des Landes wird mit Novellierung des Landesbehindertengleichstellungsgesetzes und der Kommunikationshilfenverordnung der Sachverhalt 2014 geregelt werden können.