Pressespiegel:

  • Bielefeld, 22. Dezember 2005
Neue Westfälische

"Lasst uns den Häuserkampf aufgeben"

Günter Garbrecht (SPD) und Angelika Gemkow (CDU) über alternative Wohnformen und Altenheime
Garbrecht
Der Anteil der Menschen über 60 Jahre wird ab 2020 enorm steigen. Die 60er Jahre waren Babyboomzeit. Die Frage ist: Werden die älteren Menschen der Zukunft ähnliche Bedürfnisse und Wünsche haben wie die älteren Menschen heute? "Mit Sicherheit wollen die Leute nicht mehr in Heimen leben und alt werden", sagt Gemkow. Das ist bereits heute klar. 80 Prozent lehnen laut Umfrage einen Lebensabend im Altenheim ab. "Sie wollen Zuhause wohnen und dennoch Versorgungssicherheit haben", berichtet Garbrecht. Weil das so ist, sprechen sich sowohl Garbrecht als auch Gemkow deutlich gegen den Bau von weiteren stationären Pflegeplätzen in Bielefeld aus. "Lasst uns endlich den Häuserkampf beenden", fordert Garbrecht, "stationäre Plätze sind zu teuer und keiner will sie."

Und Bielefeld braucht sie nicht. Derzeit gibt es laut Projektion der Enquete-Kommission des Landes über 3.100 stationäre Pflegeplätze in Bielefeld. 2020 werde es einen Bedarf von rund 3.060 Plätzen geben.

Stattdessen müsse nach alternativen Wohnformen für Senioren gesucht werden. In Bielefeld ist das bereits vorbildlich geschehen. "Wir sind in Deutschland auf Platz eins bei den innovativen Wohngruppen", sagt Gemkow. "Und das wollen wir auch bleiben", ergänzt Garbrecht.

Beide Politiker können und wolle dafür arbeiten, dass das so bleibt - und beide haben sie Möglichkeiten, Weichen in diese Richtung zu stellen. Garbrecht und Gemkow sitzen im Aufsichtsrat der Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (BGW). Die 75-Prozent-Stadttochter baut seit Jahren Wohnhäuser speziell für Ältere - barrierefrei und mit Versorgungsmöglichkeiten. In jedem Bielefelder Stadtteil sollen solche Wohnhäuser entstehen. Zurzeit wird an der Westerfelder Straße in Schildesche gebaut. An der Heinrichstraße in Mitte ist ein Haus für Alten-Wohngemeinschaften vor einigen Wochen fertig gestellt worden.

Auch die Baugenossenschaft Freie Scholle engagiert sich auf diesem Sektor. Sie baut Häuser im Bestand um oder gleich ganz neu. Andere Baugesellschaften ziehen nach. "Barrierefrei", betont Garbrecht, "bedeutet übriges nicht, dass die Wohnungen nur für Senioren geeignet sind. Familien haben teilweise die gleichen Bedürfnisse." Mütter mit Kinderwagen und Väter mit dem Großeinkauf schätzen ebenfalls den bequemeren Weg in die Wohnung. Deswegen sind für Garbrecht barrierefreie Wohnungen "generationengerecht".

Neben der Bauart der Häuser und Wohnungen soll sich nach dem Willen von Gemkow und Garbrecht die Nachbarschaftskultur in der Stadt verändern. "Hier muss eine ganz neue Dienstleistungsstruktur entstehen", sagt Gemkow. Siedlungstreffs wären ein Element, ebenso die stärke Zusammenarbeit von Heimen, Kirchen und anderen Institutionen in den Vierteln. Ziel ist es immer, die Menschen so lange wie möglich in ihren Quartieren wohnen lassen zu können. "Dieser Weg hilft, die Sozialkassen zu entlasten", sagt Garbrecht. Deswegen sei es wichtig, gut vorbereitet zu sein auf die veränderte Alterstruktur der Bevölkerung. Bielefeld hat diesen Weg beschritten. Hier seien sogar Altenheimplätze frei, weil es so viele andere Wohnmöglichkeiten gebe. In anderen Städten sieht das in der Regel anders aus. Dort gibt es Wartelisten.

In den Altenheimen hat sich die Arbeit gewandelt, erläutert Garbrecht: "Sie sind heute eher Pflegeeinrichtungen und Hospiz." Er belegt das mit Statistik. Das Durchschnittsalter der Bewohner in Altenheimen liegt bei 85,4 Jahre, die Verweildauer der Menschen ist im Schnitt weniger als ein Jahr.

Gemeinsam einer Meinung

In Berlin herrscht jetzt die große Harmonie zwischen CDU und SPD – da will Bielefeld nicht nachstehen. Ersmals gaben nun der Sozialdemokrat Günter Garbrecht und die Christdemokratin Angelika Gemkow eine gemeinsame Pressekonferenz zu ihrem gemeinsamen Spezialgebiet – der Sozialpolitik. Und beide Politiker waren sogar einer Meinung.