Pressespiegel:

  • 02. August 2006
Neue Westfälische

Die Stadt der Bedenkenträger

Günter Garbrecht (SPD) über Städterankings
Garbrecht

Günter Garbrecht hält Städte-Reankings für inflationär und oft für völlig subjektiv. Bielefeld wuchtere nicht genug mit seinen Pfunden und werde oft unter Wert regiert.
Bielefeld ist nicht München oder Hamburg, hat keine Alpen vor der Haustür, keine Nordsee und keinen Welthafen. Und schon überhaupt keinen Fluss, wenn man mal von der Lutter absieht, die man ehrlicherweise eher als Bach bezeichnen muss. In Ranglisten bundesdeutscher Städte, wie sie „Wirtschaftswoche“ oder „Focus“ oft und gerne abdrucken, belegt Bielefeld einen guten Mittelplatz. Das hört sich noch recht positiv an.

Aber schon diese Aussage ist hochgradig subjektiv und Auslegungssache. Man konnte auch von Mittelmaß sprechen. Mittelmaß hat einen schlechten Klang.
Dabei erleben dieses Städterankings, die regelmäßig erscheinen und von anderen Medien – auch von diesem – sofort aufgegriffen und weiter verbreitet werden, einen inflationären Schub.

Darüber hinaus verfestigt sich das hundertfach verbreitete Urteil in den Köpfen der Leserschaft. Einmal auf dem Spitzenplatz, immer oben, einmal Mittelmaß, immer Mittelmaß und einmal unten, immer unten.

Gelsenkirchen ist so ein Beispiel. Außer Schalke 04 fällt dem Ortsfremden kaum etwas ein.

Zu Bielefeld auch wenig. Vielleicht nur Arminia Bielefeld und Dr. Oetker. Garbrecht: „Bielefeld stellt in mancher Hinsicht sein Licht unter den Scheffel“.

Das Oberzentrum am Teutoburger Wald ist immer noch eine der sichersten Großstädte der Bundesrepublik und außerdem die europäische Hauptstadt der Diakonie. Europäisch! Mit Bethel und dem Johanneswerk arbeiten in Bielefeld die beiden größten diakonischen Träger Europas in Bielefeld.

Garbrecht: „Diese Tatsache ist aus dem öffentlichen Bewusstsein völlig gestrichen. Allenfalls bei runden Geburtstagen von Pastor Friedrich von Bodelschwingh erinnert man sich daran. Dabei ist diese Tatsache ein Alleinstellungsmerkmal. Das hat keine andere Stadt.“

Ostwestfalen, so Garbrecht, habe mit der Kunsthalle in Bielefeld und dem MARTA in Herford zwei außergewöhnliche Museen. Das neue Stadttheater wird im September folgen.

Die Ärztedichte ist in OWL ausreichend. Das liegt ihm, dem Sozialpolitiker und Landtagsabgeordneten besonders am Herzen. Stolz könne die Stadt auch darauf sein, wie auf den demographischen Wandel reagiert werde. Denn mit der Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (BGW) und der Freien Scholle agierten in der Stadt zwei Unternehmen, die in Sachen altersgerechtes Wohnen bundesweit an der Spitze lägen. Der Sozialpolitiker: „Bielefeld hat auch für ältere Menschen eine hohe Lebensqualität.“

Bei den Unternehmen sei Bielefeld besser als sein Ruf. Neben Oetker gebe es hier Weltunternehmen wie Seidensticker, Schüco, Windsor oder Gildemeister, um nur einige zu nennen. Garbrecht: „Bielefelder haben nur das Negative im Kopf. Dass die Stadt einen Niedergang der Textil- und Nähmaschinenindustrie erlebt hat.“ Das stimmt, aber dafür kam Neues.

„Vielfach ist Bielefeld – auch kommunalpolitischen Bereich die Stadt der Bedenkenträger“, hat Garbrecht festgestellt, der das auch in die Richtung der eigenen Partei sagt. „Wir sind zu oft verliebt in das Scheitern, statt in das konstruktive Anpacken.“ Garbrecht nennt Beispiele: Senne-See, die Gewinnabführung bei den Stadtwerken oder das Public-Viewing bei der Fußball-WM, wo sich Bielefeld von der kleineren Nachbarstadt Gütersloh zeigen lassen musste, wie man so etwas anpackt.

„Bielefeld wird unter Wert regiert“, befindet er und meint damit die Kommunalpolitik, die Verwaltung und den Verwaltungschef. „Der hauptamtliche Oberbürgermeister hat in dieser kommunalpolitischen Gemengelage ohne ganz klare Mehrheit eine herausragende Funktion.“

In noch einer Kategorie liegt Bielefeld sehr schlecht. Nachweisbar mit dem Ranking der Wirtschaftswoche: Bei dem Angebot betrieblicher Ausbildungsstellen. Von 50 Städten lag Bielefeld 2003 auf Platz 48. In 2005 hat sich die Situation geändert. Bielefeld liegt jetzt auf Platz 50.

Trotz alledem. Bielefeld ist für Garbrecht eine lebenswerte Stadt: „Das sage ich aus voller Überzeugung.“