Pressespiegel:

  • 01. September 2007
Neue Westfälische

"Es gibt schwarze Schafe"

Erste Bielefelder Reaktionen auf die neue Studie zu den Misständen in der Altenpflege
Es sei völlig klar, dass jeder Mensch, der im Pflegeheim fehlversorgt werde, ein Fall zu viel sei. Dennoch müsse man Ross und Reiter nennen, wenn etwas schief gelaufen sei. Garbrecht: „Man muss die schwarzen Schafe benennen.“ Der Bielefelder ist Vorsitzender des Düsseldorfer Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales.
Bielefelds Sozialdezernent Tim Kähler, auch SPD, mochte sich gestern zu der Studie nicht äußern, weil er sie noch nicht kenne. Fakt ist, dass der Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und der Spitzenverbände der Pflegekassen erst gestern um 11 Uhr in Berlin vorgestellt wurde.
In Bielefeld gibt es nach Kählers Aussage 34 Pflegeheime mit insgesamt 3.126 Plätzen (Stand 31. Dezember 2006). Das von Stadt und Land propagierte Konzept „Ambulant vor stationär“ sei auf jeden Fall zu unterstützen, wenn man aber die ambulanten Bereiche ausdehnen wolle, müsse man fragen, wie das denn zu kontrollieren sei.
Die Kontrolle ist schon bei den Pflegeheimen schwierig genug. Am 18. Mai diesen Jahres hatte die Bielefelder Heimaufsicht ihren Kontrollbericht vorgelegt und dabei der Stadt ein positives Zeugnis ausgestellt. Die Beschwerden hätten in kürzester Zeit geklärt und die Ursachen beseitigt werden können. Eberhard Lüttge, Mitglied des Seniorenrates, hatte angemerkt, dass die Heimaufsicht ihre Kontrollaufgabe nicht aus den Augen verlieren dürfe.
Es gebe in der Heimlandschaft ein Bermudadreieck. Nicht alle Mängel und Defizite seien der Heimaufsicht bekannt. Postwendend kamen Leserbriefe, die sich darüber mokierten, dass die Heimaufsicht erst kontrolliere, nachdem sie sich bei den Heimen angemeldet hätte.
Bei den Pflegeheimen des Evangelischen Johanneswerkes kommt noch eine weitere Kontrollstufe hinzu: neben Heimaufsicht und Medizinischem Dienst die Pflegerevision. Pastor Udo Krolzik, Vorstandsvorsitzender des Johanneswerkes: „Dabei gucken wir nach, ob die Ablaufe richtig funktionieren.“
Der Pastor: „Niemand kann ausschließen, dass etwas passiert, aber wir tun alles, damit nichts passiert.“ Und: „Natürlich gibt es schwarze Schafe. Wo Menschen arbeiten, gibt es Fehler“, so Krolzik. Er macht die Politik mitverantwortlich für die Missstände, denn bei kürzerer Verweildauer würden immer schwerere Fälle in die Heime eingeliefert. 60 bis 70 Prozent der Menschen in den Pflegeheimen litten an Altersdemenz. Diese Kranken aber hätten einen erhöhten Betreuungsbedarf. Außerdem würden die Finanzgrenzen immer enger gezogen.
André Krämer (38), Bereichsleiter von sechs Häusern für Menschen mit Demenz beim Johanneswerk findet die aktuelle Diskussion „übertrieben und beängstigend pauschal“: „Es wird viel gute Arbeit geleistet.“
Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) gestern zu dem Bericht des Medizinischen Dienstes: „Ein Generalverdacht verunsichert Pflegebedürftige und Angehörige.“