Pressespiegel:

  • Bielefeld, 19. April 2000

Polterer mit medialem Charme

Der bekennende »westfälische Dickschädel« Günter Garbrecht will für die SPD in den Landtag ziehen
Fußball in der Alte Herren-Liga oder Kegeln, damit hätte jeder gerechnet. Dass dieser Mann daheim sein Hügelbeet für die Aufzucht erlesener Kräuter pflegt, erfordert etwas Phantasie.

An diesem Abend gibt es Salat und Saltimbocca, dazu ein Alkoholfreies. In der Pizzeria an der Viktoriastrasse scheint er ein gern gesehener Gast zu sein - obwohl er mit seinem lauten Organ das gesamte Restaurant beschallt und die Gäste am Nachbartisch mehr als einmal irritiert drein blicken. Unauffälligkeit ist seine Sache nicht. »Ich bin ein westfälischer Dickschädel«, lautet seine Selbsteinschätzung. »Sozialdemokratisches Urgestein«, sagen politische Weggefährten über ihn und meinen damit nicht nur Schmeichelhaftes. Garbrecht ist bekannt für sein polterndes Antreten und gelegentliche Ausfälligkeiten. Im Laufe seiner Politkarriere hat er gelernt, diese eigentliche Unzulänglichkeit fürs politische Tagesgeschäft zu kultivieren: »Ich kann auch absichtlich in Fettnäpfe treten.«

Seit 1989 Ist er als Ratsmitglied in Bielefeld aktiv. »Als Ich angefangen habe, musste Ich mich mit Kanaldeckeln und Pflasterungen für den Siegfriedplatz und die »Lacostestraßen drumherum beschäftigen«, wie er die damals noch bürgerliche Gegend nennt, in der mittlerweile vorwiegend das Wahlvolk grüner Politik wohnt. Seit fast zehn Jahren ist Garbrecht Mitglied im Sozialausschuss, auch unter bürgerlicher Mehrheit wieder als Vorsitzender. Angelika Gemkow, Sozialpolitikerin der CDU und Landtagsmitglied, über ihn: »jeder hat seinen Stil. Er ist ein aufrechter Sozialpolitiker, der seine Rolle ernst nimmt.«

Auf seine Rolle als Landtagskandidat konnte er sich seit Oktober letzten Jahres intensiv vorbereiten. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich kandidieren will, wenn 'Heini' (Heinz sic.) Hunger nicht mehr will. Außerdem gab es keinen Gegenkandidaten«, resümiert er die Geschichte seiner Kandidatur.

Das Ticket nach Düsseldorf muss sich Garbrecht noch verdienen. Dazu gehören zahlreiche Wahlkampfveranstaltungen mit mehr oder minder spannenden Themen und einem dazugehörigen Publikum. An diesem Abend ist Selbstinszenierung nicht notwendig, denn in der Eisenhütte hat Günter Garbrecht ein Heimspiel: Nur Genossen und Gewerkschafter - von den politischen Gegnern auf dem Podium mal abgesehen. Dort sitzt eine etwas sauertöpfisch einblicken Angelika Gemkow. Die darf schon mal gehässig von »Genossenfilz« sprechen, ohne vom bärbeißigen Garbrecht ein deftiges Schwarzkonten-Paroli einstecken zu müssen. Der sympathisch daherkommende Hartmut Geil (Bündnis90/Die Grünen) fordert auch nicht gerade zum Disput heraus. Nur PDS-Frau Barbara Schmidt im Publikum bemüht sich, aus der handzahmen Veranstaltung doch noch so etwas wie eine politische Diskussionsrunde zu machen. Garbrecht langweilt sich. Die riesengroßen Hände fahren immer wieder durchs Gesicht, so als wolle er sich die Müdigkeit aus dem Gesicht reiben. Gelegentlich starrt er mit griesgrämiger Miene, die Mundwinkel weit nach unten gezogen, auf den Tisch. Ein typischer Gesichtsausdruck, den auch die Lokalpresse schon auf zahlreichen Fotos eingefangen hat. Kein Wunder, dass manche Beobachter des politischen Lebens in den aktuellen Wahlkampfplakaten nicht den wahren und wirklichen Garbrecht zu entdecken glaubten: Ein freundlich lächelnder Endvierziger, mit dem medialen Charme von Pastor Fliege - wer ist das? Garbrecht hat sich bei der Auswahl der Kandidatenfotos vom Geschmack seiner Mitmenschen leiten lassen: Anlässlich seiner Geburtstagsfeier zum »Fünfzigsten mussten die Gäste aus einer Auswahl von Ansichten wählen. Der Lächler von Bielefeld wurde nominiert. Eine gute Idee, denn das Bild ist wahlkampftauglich.

»So freundlich hast du morgens aber noch nie ausgesehen haben seine Kollegen gemeint, als sie das erste Mal vom mutmaßlichen Wahlkampfdouble angelächelt wurden. Der gelernte Werkzeugmacher arbeitet als Schichtführer bei der Firma Euscher. Für die Ochsentour im Rennen um die Wählergunst hat er sich vom Arbeitgeber frei stellen lassen. Anders als GenossInnen Bernd Brunemeier und Helga Gießelmann ist Garbrecht ein Newcomer. Einen Stab von Mitarbeitern hat er noch nicht zur Seite - was seinem Internetauftritt unter der Domain der Bielefelder Genossen auch anzusehen ist. Mehr als ein Kurzinterview und ein paar Standardversprechungen, es auch in Düsseldorf gut mit Bielefeld zu meinen, ist dort nicht zu finden. Einen ordentlichen tabellarischen Lebenslauf sucht der Interessierte dort vergebens. »Meine Berufsbiographie hat so viel Lücken, damit hätte ich heute wohl bei keinem Arbeitgeber eine Chance bekennt der Genosse freimütig. Ein »echter« Arbeitnehmer ist bei der von Schuldirektoren und Angestellten-im-öffentlichen-Dienst infiltrierten Sozialdemokratie eine Ausnahme. Kein Wunder, dass ihm die Arbeitsmarktpolitik »besonders am Herzen liegt«. Als Betriebsratsmitglied, als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD und nicht zuletzt als Aufsichtsratsvorsitzender der REGE (Regionale Personalentwicklungsgesellschaft) hat er sich entsprechend positioniert. Sein Motto: Lieber an der Bekleidungspauschale schrauben, als bei beschäftigungsfördernden Maßnahmen. Die schon unter rotgrün eingeleitete Sparpolitik bei den Sozialhilfeausgaben zugunsten der Arbeitsmarktförderung hat er immer leidenschaftlich verteidigt.

Zuschüsse für die REGE sind auch über Einsparungen an den konsumtiven Leistungen finanziert worden. Dass manche Maßnahmen städtischer Arbeitsmarktpolitik aber nicht eben geeignet waren, Sozialhilfeempfängern den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben zu ermöglichen, gibt er zu. Er hält eine Reform des Arbeitsförderungsgesetzes, die einen Rechtsanspruch auf Fort- und Weiterbildung beinhaltet und dabei eine selbstbestimmte Auswahl der Betroffenen garantiert, für geboten. Ob Genosse Garbrecht seine sozialpolitischen Kenntnisse und Bekenntnisse auch in Düsseldorf wird einbringen können, ist mehr als fraglich - und hängt nicht zuletzt davon ab, ob er überhaupt dort ankommt. Doch darüber will er nicht spekulieren.

Garbrecht und die Frauen. Kein Geheimnis, dass der Grantler mit dem Machohabitus hier am liebsten seine Fettnäpfe aufstellt. Frauenprojekte sind ihm suspekt. Wenn es dann noch darum geht, Angebote für eine Klientel zu fördern, die weder arm noch arbeitslos ist, sondern aus gut ausgebildeten Frauen besteht, kann Garbrecht richtig böse werden und spricht von »Mittelstandsförderung«. Mit feministischen Ansätzen parteilicher Mädchen- und Frauenarbeit kann er nichts anfangen. Nur so ist zu verstehen, dass er gerne osteuropäische Verhältnisse auch deutschen Frauenhäusern näher bringen würde. »Da arbeiten auch Männer. Und wissen Sie warum? Weil draußen eben auch Männer sind.« Dass Frau an dieser Stelle zunächst sprachlos ist, macht ihm richtig Spaß.

Garbrecht und die moderne Telekommunikation. Bei diesem Thema klingt er wieder aufgeklärt und erklärt begeistert, dass er sich jeden Morgen via Internet ins Intranet der Genossen wählt und dort die »Tageslosung« von Franz Müntefering auf den heimischen Bildschirm lädt - meist kleine Gemeinheiten über die politischen Gegner. Ganz untrendy präsentiert sich der altgediente Sozi in Sachen Aktienfieber. Ob er schon bei T-Online gezeichnet habe? »Nein. Das ist völlig außerhalb meiner Lebenswelt.« Damit hat er vielleicht Punkte gemacht, denn die Ablehnung von Aktiengeschäften scheint für einige schon Indiz für fundamental-sozialdemokratische Anständigkeit zu sein.