Pressespiegel:

  • Düsseldorf, 11. September 2009

Am Rand der Abendgesellschaft

Die Caritas lud Politiker und Obdachlose unter eine Düsseldorfer Rheinbrücke. Ins Gespräch kamen sie dort jedoch kaum;
Rühmliche Ausnahme: Der Bielefelder Landtagsabgeordnete Günter Garbrecht (SPD) im Gespräch mit dem Obdachlosen Michael Mulders.

Rühmliche Ausnahme: Der Bielefelder Landtagsabgeordnete Günter Garbrecht (SPD) im Gespräch mit dem Obdachlosen Michael Mulders.

Düsseldorf. Ein kühler Wind weht unter der Rheinkniebrücke, trägt ein paar Regentropfen mit sich und lässt die Menschen, die sich auf Holzbänken niedergelassen haben, frösteln. Männer und Frauen mit roten Maltesermützen verteilen dampfende Erbsensuppe und Mettbrötchen.
   Was nach einem Besuch der Düsseldorfer Tafel klingt, ist in Wirklichkeit der Parlamentarische Abend der Caritas - ein Zusammentreffen von Landtagsabgeordneten und Obdachlosen. Statt - wie sonst bei Parlamentarischen Abenden üblich - Häppchen und Prosecco im warmen Landtagsgebäude auszugeben, sollten die Politiker hier näher an die Wirklichkeit herangeholt werden: Unter der Brücke treffen, wer unter der Brücke lebt.

Anzugträger bleiben
unter sich

   So weit die Idee. Die Wirklichkeit zeichnet an diesem Abend dann allerdings ein anderes Bild. Während die Parlamentarier im benachbarten Landtagsgebäude noch über den Haushalt beraten, haben sich schon eine ganze Reihe von Gästen unter der Brücke eingefunden, man trinkt Altbier und Weißwein, eine Jazzband übertönt den Verkehrslärm der Brücke, warmes Scheinwerferlicht lenkt vom tristen Wetter an diesem Spätsommerabend ab.
   Immer wieder stoßen neue Gäste hinzu, auch die ersten bekannten Gesichter treffen ein: Die Grüne Sylvia Löhrmann ist früh gekommen, mit ein paar Anzugträgern steht sie an einem Tisch und plaudert. Später kommt Landtagspräsidenten Regina van Dinther hinzu, auch Arbeitsminister Karl Josef-Laumann ist unter den Gästen. Es herrscht eine muntere Atmosphäre, man unterhält sich und lacht.
Fast unbemerkt bleibt da das kleine Grüppchen von Männern, das auf den hinteren Bänken, am Rand der Abendgesellschaft, Platz genommen hat.
   Hans F., ein kleiner hagerer Mann, dessen Kopf fast zwischen den Schultern zu verschwinden scheint, sitzt auf einer Bank und schiebt ein Glas Altbier auf dem Tisch vor sich hin und her. Sein Sozialarbeiter hat ihm gesagt, dass er heute Abend doch einmal herkommen soll. Wofür, das weiß Hans F. nicht so genau. Mit Politikern sprechen will der 51-Jährige eigentlich nicht, "wofür denn, das ändert doch nichts", sagt er und nickt seinem Gegenüber zu, einem 35-jährigen Mann mit Kapuzenpulli, dem das Leben auf der Straße tiefe Furchen ins Gesicht gegraben hat.
   Marco H. hat 16 Jahre lang auf der Straße gelebt, ehe er in einem Wohnungslosenheim in Düsseldorf unterkam. Wie sein Leben so aus den Fugen geriet, kann er im Rückblick gar nicht mehr sagen. Irgendwann war da erst Kokain, dann Heroin, "da rutscht du so rein und irgendwann gibt es keinen Weg zurück mehr", sagt Marco H., der noch heute mit Methadon seine Sucht in den Griff zu bekommen versucht. "Die Kurve habe ich noch lange nicht bekommen."
Zwölf Jahre
auf der Straße
   Auch Hans H, hat das Leben auf der Straße gezeichnet - seine Wangen sind eingefallen, die Augen liegen in tiefen Höhlen. Zwölf Jahre hat er auf der Straße gelebt, zuletzt saß er im Gefängnis, wegen Körperverletzung. "Das ist schon lange her, aber sie haben mich draußen gelassen, solange meine Frau noch lebte", erzählt er. Als die 2007 starb, verlor er mit ihr auch die Wohnung, den Job, jeden Halt. Heute lebt auch er in dem Wohnungslosenheim am Rather Broich, eine reguläre Wohnung findet er wie viele andere nicht.
   "Das ist alles furchtbar kompliziert geworden, mit der Arge und dem Sozialamt und so", sagt er. Es gebe viele im Heim, die einen Job hätten und trotzdem keine Unterkunft fänden.
   All das könnte Hans H. auch den Politikern schildern, die nur wenige Meter entfernt bei Bier und Mettbrötchen zusammenstehen. Er könnte ihnen erzählen, warum das Sozialticket für Menschen wie ihn dringend nötig aber viel zu teuer ist. Dass statt "all den schicken Nobelbuden" mehr Sozialwohnungen gebaut werden sollten damit Menschen wie Hans F. nicht sofort abgestempelt werden, als "die, aus dem Heim".
   Allein: Es kommt niemand, um mit Hans F. und Marco H. zu sprechen. "Worte können verletzen. Auch mich", hat die Caritas in großen Worten auf die Rückwand der kleinen Bühne geschrieben. "Soziale Manieren", fordert sie in ihrer Kampagne. An diesem Abend, so scheint es, sind es nicht Worte, die die anwesenden Obdachlosen, verletzen. Es ist das Schweigen. 'NRZ

KAMPAGNE
Soziale Manieren

Mit ihrer Kampagne "Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft" will die Caritas in diesem Jahr "Menschen am Rande" ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Denn, so die Macher der Kampagne, auch wenn die sonst alles verloren haben eins ist ihnen geblieben: ihre unverrückbare Würde. Mit Plakaten soll darauf aufmerksam gemacht werden, maja