Pressespiegel:

  • 13. Januar 2010
Am 13.Januar erschien in der NW

Hindernisreise durch den indischen Nebel

Hilfsorganisation Misereor kümmert sich um Schulausbildung von Straßenkindern / NRW-Delegation besucht Kleinstadt

VON UNSEREM KORRESPONDENTEN PETER JANSEN

Düsseldorf. Ein schnelles Frühstück nach der Rückkehr im Arbeitsministerium, zwei Stunden Fraktionssitzung im Landtag, ein kurzes Gespräch mit Journalisten, dann streckte Günter Garbrecht, das Gegenteil von einem Weichei, die Waffen. Etliche tausend Flugkilometer, zwei nächtliche Horrortrips in einem ungeheizten Bus quer über den Subkontinent und nur vier Stunden Schlaf in einem Hotelbett hatten den stämmigen gelernten Werkzeugmacher geschafft.

Angefangen hatten die Probleme bereits beim Abflug. Weil in Indien dichter Nebel herrschte, startete die Maschine mit der Delegation um NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erst mit zwölf Stunden Verspätung in Frankfurt. Das Besuchsprogramm begann nicht mit der ursprünglich vorgesehenen Übernachtung im Hotel, sondern gleich nach der Landung mit Gesprächen mit der Distriktspräsidentin von Neu-Delhi. Wegen des immer noch anhaltenden Nebels war der Nachtzug zu ihrem zweiten Reiseziel Kota, in dem komfortable Schlafwagenabteile gebucht waren, ausgefallen, die Lokführer hätten die Signale nicht erkennen können. Für Busfahrer waren die Sichtweiten zwischen fünf und fünfzig Metern dagegen kein Problem. Pausenlos hupend brachte sie ein Fahrer in einem Reisebus, an dessen Klimaanlage nur die Kühlung funktionierte, bei nur fünf Grad Außentemperatur in das Zentrum der indischen Steinwirtschaft.

Garbrecht schaudert’s noch bei der Erinnerung. „Ich habe erst vorne gesessen, aber als ich gesehen habe, wie der fuhr, habe ich mich in die Mitte an den Gang gesetzt, habe mich angeschnallt und mich in Schal, Mantel und Mütze gewickelt.“ Zu nötigen Pinkelpausen und um Proviant zu besorgen, wechselte der Fahrer auch mal über alle Fahrbahnen der vierspurigen Autobahn, wenn eine Raststätte auf der anderen Seite lag. Das letzte Abenteuer machte Garbrecht vor dem Rückflug in Neu-Delhi durch, als ein verdächtiger Gegenstand in seinem Koffer die Sicherheitsbeamten alarmierte. Das Problem löste sich zur Zufriedenheit aller: Eine Blechdose mit Lutschpastillen war bei der Röntgenuntersuchung aufgefallen. Garbrecht packte die Dose aus, bot jedem eine an und konnte dann beruhigt in Richtung Frankfurt starten.

Indien, so das politische Resümee der Informationsreise, hat zwar viele sinnvolle Gesetze zum Arbeitsschutz und zum Verbot von Kinderarbeit, aber die Umsetzung funktioniert nur mangelhaft. In vielen Bereichen ist die Beschäftigung von 14-Jährigen und Jüngeren an der Tagesordnung, viele Familien hätten ohne das Einkommen der Kinder nicht genug zum Überleben. Auch die Schulpflicht steht nur auf dem Papier. In einer Klein-stadt, die die NRW-Delegation besuchte, leben 3.500 schulpflichtige Kinder, nur etwa 1.500 davon gehen zur Schule.

Beeindruckt hat Garbrecht die Arbeit der katholischen Hilfsorganisation Misereor in der Region um Kota, aus deren Steinbrüchen riesige Mengen Pflastersteine nach Deutschland und in die EU exportiert werden. Eine von Misereor unterstützte Organisation vergibt Zertifikate an Unternehmen, die keine Kinder beschäftigen, und kontrolliert die Einhaltung der Selbstverpflichtung. Die Regierung selbst kümmert sich wenig um diese Probleme.

Eigentlich wollte sich Günter Garbrecht, SPD-Landtagsabgeordneter aus Bielefeld, über den Kampf von Misereor gegen Kinderarbeit in Indien informieren. Der Trip geriet zum Abenteuer.

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Bielefelder Tageblatt (MW), Mittwoch 13. Januar 2010