Pressespiegel:

  • Bielefeld, 20. April 2010
© 2010 Neue Westfälische Bielefelder Tageblatt (MW); Thomas Güntter, Dienstag 20. April 2010

Tür an Tür mit Frau Sommer

Das ungeplante Treffen zweier Wahlkampfgegner im AWO-Mehrgenerationenhaus

Die Begegnung dauert knappe fünf Minuten. Die Tür des Nebenraums im Mehrgenerationenhaus am Heisenbergweg geht auf. Der Bielefelder SPD-Landtagskandidat Günter Garbrecht (60) tritt heraus und fragt Barbara Sommer grinsend: „Wollen Sie zu mir in die Sprechstunde?“ Sommer verneint. Die amtierende Schulministerin (61) kandidiert für die CDU im gleichen Wahlkreis wie Garbrecht: Wahlkreis 92; Mitte, Schildesche, Gadderbaum. Sehr klein, aber sehr dicht besiedelt.

Es ist eine zufällige Politikerzusammenführung in dem Haus der Arbeiterwohlfahrt. Barbara Sommer besichtigt die Einrichtung von 10.30 bis 11.35 Uhr und Günter Garbrecht hält von 11 bis 13 Uhr seine Bürgersprechstunde hier ab. Einmal im Monat am Montag. An der Tür zu seinem Sprechzimmer hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Bürgersprechstunde. Bitte warten Sie einen Moment. Ich bin im Gespräch.“ Der SPD-Kandidat lebt für kurze Zeit Tür an Tür mit der politischen Konkurrenz von der CDU.

Sicher haben sie gewusst, dass der Andere kommt. Garbrecht sagt: „Ich habe damit kein Problem.“ Und mit der Selbstsicherheit des Platzhirschen: „Frau Sommer macht die Vogelperspektive von oben, ich bin unten an der Basis.“ Ministerin Sommer ist immerhin der Satz zu entlocken: „Wir sind nicht verfeindet. Herr Garbrecht ist ein integrer Mann.“

Bevor die Sprechstunde von Garbrecht beginnt, besichtigt die Ministerin im gleichen Raum die bildlichen Ergebnisse der Fotogruppe. Und dann erzählt sie von ihrem Vater, der inzwischen 97 Jahre alt ist und früher die Familie genervt hat, weil er auf Reisen immer so viel fotografiert hat. Barbara Sommer: „Ich bin Einzelkind, meine Mutter trug das Stativ und ich die große Tasche. Mein Vater vergaß die Welt um sich herum und fotografierte nur noch, bis wir streikten, weil wir Hunger hatten oder müde waren.“ Bis ungefähr zum zwölften Lebensjahr ließ sich sich vom Vater einspannen: „Ich habe das gehasst.“ Dem eigenen Nachwuchs hat sie das Einzelkindschicksal erspart. Sie wurde fünffache Mutter.

Dann besichtigt sie noch die Tagesgruppe für Kinder und die Seniorengruppe. „Wir müssen den Schatz der Älteren heben“, sagt sie. Senioren könne man in der Schülerbetreuung einsetzen: „Nicht als pädagogisches Hilfspersonal, aber zum Beispiel als Oma zum Anlehnen oder zum Vorlesen.“

Die Zeit ist um. „Ich muss wieder arbeiten“, sagt Garbrecht und geht zurück in seine Sprechstunde. „Ich ja nicht“, grient die Ministerin und steigt in ihren Dienstwagen.