Pressespiegel:

  • Bielefeld, 10. Mai 2010
© 2010 Neue Westfälische Bielefelder Tageblatt (MW), Montag 10. Mai 2010

Die Sieger machen ein Fass auf

SPD und Grüne können ihre Erfolge kaum glauben / Tristesse bei der CDU

Jubel auf der einen, tiefe Enttäuschung auf der anderen Seite. Die NRW-Landtagswahlen haben auch in Ostwestfalen-Lippe die politischen Kräfteverhältnisse wieder zugunsten von SPD und Grünen verschoben. So konnte die SPD neun von insgesamt 15 Wahlkreisen in der Region direkt gewinnen. Bei der Landtagswahl im Jahr 2005 waren ihr lediglich zwei Wahlkreise zugefallen.

Als die Spannung in den Büroräumen des SPD-Unterbezirkkes Bielefeld um 17.57 Uhr ihrem Höhepunkt zustrebte, da sprach der Bielefelder Landtagskandidat Günter Garbrecht ein Machtwort. „Ruhe hier, alle hinsetzen!“ So kommandierte das 60-jährige SPD-Urgestein mit seiner tiefen Raucherstimme – und alle anwesenden Genossen gehorchten ihm sofort. Drei Minuten später wurde in der ARD die erste Hochrechnung verkündet. Sie prognostizierte CDU und SPD jeweils einen Stimmenanteil von 34,5 Prozent. „Schwarz-Gelb, das war’s!“, brüllte Garbrecht. Seine Worte mit gefühlten 80 Dezibel kamen wie aus einer Pistole geschossen – dann folgte langer Beifall und Jubel aus allen Ecken.

Dass für eine Regierungsbildung von Rot-Grün zu diesem Zeitpunkt rechnerisch noch zwei Mandate fehlten, focht niemanden an. „Die holen wir auch noch“, gab Garbrecht selbstbewusst zu Protokoll. Ähnlich überschwänglich wie er reagierten auch andere SPD-Vertreter aus der Region. „Wir haben unsere Glaubwürdigkeit zurückgewonnen“, kommentierte beispielsweise Inge Howe, die in ihrem Wahlkreis Minden-Lübbecke II einen großen Erfolg feierte. Es sei der SPD gelungen, „die Arbeiterschaft wieder zu mobilisieren“, frohlockte Georg Fortmeier, der den SPD-Wahlkreis Gütersloh I-Bielefeld III eroberte.

„Wahnsinn!“ rief Britta Haßelmann. Immer wieder. Aus der Grünen-Bundestagsabgeordneten sprudelte schiere Freude. „Die Bürger haben Schwarz-Gelb abgewählt“, sagte sie. Es klang so, als könne sie es noch gar nicht glauben. Gemeinsam mit ihren Parteifreunden zog sie vom Büro der Grünen-Ratsfration zur Wahlparty im Bielefelder Rathaus. Tosender Beifall empfing die Grünen. Am lautesten klatschten die Genossen. Garbrecht und Matthi Bolte fielen sich in die Arme. Der SPD-Mann und der 24-jährige Student hatten im selben Wahlkreis gegeneinander und gegen Schulministerin Barbara Sommer (CDU) kandidiert. Bolte strahlte übers ganze Gesicht. „An uns führt kein Weg vorbei“, sagte der Grüne. Derweil intonierten die Sieger des Abends: „Einer geht noch, einer geht noch rein!“ Das galt dem Patt zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. Offenbar dachte niemand an den dritten Sieger des Abends – die Linke. Auf sie kam die Schulpolitikerin und OWL-Spitzenkandidatin der Grünen, Sigrid Beer, zu sprechen. „Wenn es am Ende nicht reicht für Rot-Grün muss die SPD ihr Verhältnis zur Linken klären“, sagte Beer. Die Linke ihrerseits müsse ein Verhältnis zur Realität finden. Jamaika, also ein schwarz-grün-gelbe Koalition, schloss die 54-Jährige aus. „Privat vor Staat hat abgewirtschaftet“, meinte Beer.

Tristesse herrschte ab 18 Uhr bei der CDU. Versteinert war das Gesicht von Bezirksgeschäftsführer Arnold Hildebrandt. Es war der 30. Wahlkampf des 62-Jährigen „und hoffentlich der Letzte“, wie er sagte. Gerade einmal 16 Parteifreunde waren bei Bekanntgabe der Wahlprognose anwesend. Die Zahl verdreifachte sich später am Abend. Doch die Stimmung blieb mies. OWL-Spitzenkandidatin Sommer, seit gestern nur noch amtierende Schulministerin, wolle später noch kommen, sagte Hildebrandt. Da blitzte zum ersten Mal Hoffnung auf.

Niedergeschlagene Stimmung auch bei der FDP. „Gemessen an unserem Wahlziel ist das Ergebnis für uns sehr enttäuschend“, sagte Thomas Seidenberg, einer der liberalen Spitzenkandidaten in OWL. Seidenberg blickte mit Verdruss vor allem auf die „erdrutschartigen Verluste der CDU“. Er selbst habe aber schon „im Straßenwahlkampf die Zurückhaltung der Wähler gespürt“.

Zufrieden mit dem Abschneiden zeigte sich Die Linke in Ostwestfalen-Lippe. In ihrer Fraktion wird vermutlich aber niemand aus der Region vertreten sein. Man hofft aber noch auf die Krankenschwester Stephie Karger aus Löhne, die den Listenplatz 13 hat.