Pressespiegel:

  • Bielefeld, 17. Mai 2010
© 2010 Neue Westfälische Bielefelder Tageblatt (MW), von Martina Panchyrz; Samstag 15. Mai 2010

Trinken unter Aufsicht

Günter Garbrecht besucht Bielefelder Einrichtung für suchtkranke Menschen

Es darf geraucht werden im Kava und auch getrunken, nur müssen die Besucher Bier oder Wein selbst mitbringen. Doch ist das Kava auch keine Kneipe, sondern ein Treff für alkoholkranke Menschen. „Eine der wenigen Einrichtungen für Suchtkranke, in der Alkohol toleriert wird“, erklärt SPD-Landtagsabgeordneter Günter Garbrecht, der den Treff lange kennt und gestern besuchte.

Das Kava ist bereits gut gefüllt, als Garbrecht den Raum betritt. Überall sitzen Männer und Frauen um die Tische herum. Auf den Tischen steht Paderborner Pilsener oder billiger Wein. Man unterhält sich, lacht oder trinkt – eine Atmosphäre wie in einer urigen Kneipe. Nur ist es im Kava noch nicht mal Mittag, doch haben viele schon ihre viertes oder fünftes Bier geleert. „Zu uns kommen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, seit Jahren chronisch suchtkrank sind“, sagt Karin Kammerer vom Sozialdienst. Heute ist auch Günther Garbrecht da. Er will über die Angebote für Suchtkranke in Bielefeld aufklären und etwas klarstellen. Im Spiegel wurde über Deutschlands ersten Trinkerraum für Alkoholiker in Kiel berichtet. „Das stimmt so nicht. In Bielefeld gibt es das Angebot schon über zehn Jahre.“ Im Juli 1999 wurde der Treffpunkt an der Kavalleriestraße 18 in gemeinsamer Trägerschaft der Stadt Bielefeld und Bethel eröffnet. Seitdem kommen täglich von 8 bis 16 Uhr bis zu 110 Menschen ins Kava, um sich mit anderen auszutauschen, zu trinken oder ihre Wäsche zu waschen. Zoff gibt es selten. Und wenn doch, verhängt Kammerer für einige Tage ein Hausverbot. Ihr Ziel: ein niedrigschwelliges Angebot für Alkoholkranke. Doch ist das nicht alles: Der Bielefelder Bahnhofsvorplatz sollte nicht mehr länger ein Treffpunkt für Trinker sein. „Das ist uns gelungen. Nun kommen diese Menschen ins Kava“, sagt Thomas Niekamp vom Sozialdezernat der Stadt.

Bielefeld biete im Vergleich zu anderen Städten eine Vielzahl von Angeboten. Garbrecht fordert jedoch mehr Engagement auf Bundesebene: Die Senkung der Promillegrenze für Autofahrer, ein Verkaufsverbot für Alkohol zwischen 22 und 5 Uhr oder ein Werbeverbot für Alkohol in Hörfunk und Fernsehen sind einige seiner Vorschläge. Garbrecht weiß, wie stark verbreitet das Thema Aloholsucht in unserer Gesellschaft ist. In Bielefeld leben rund 14.000 alkoholkranke Menschen. „Und das betrifft alle Gesellschaftsschichten“, sagt Garbrecht. Auch er selbst hatte ein Alkoholproblem. „Seit 26 Jahren bin ich nun trocken.“ Doch ist es nicht leicht, von der Flasche wegzukommen. Wenn es gut läuft, können die Sozialarbeiter einige der Besucher an die Suchtberatung vermitteln.

„Mal klappt es, dann wieder nicht. Wir können niemanden zum Entzug zwingen“, sagt Kammerer.