Pressespiegel:

  • 20. Oktober 2010
Am 20. Oktober erschienen folgende Artikel in der Sueddeutschen Zeitung

Glücksspiel ist keine harmlose Unterhaltung

Artikelempfehlung

Wo der Kundekrank sein muss

Von diesem Mittwoch an beraten die Ministerpräsidenten übersGlücksspiel - und schützen hoffentlich die Spieler vor sich selbstVon Michael AdamsGlücksspiele gehören zum Salz im Leben. Indem sie Hoffnung verkaufen, garantieren sie Abwechslung zwischen Aufregung und Enttäuschung. Zu viel Salz macht krank. Auf eine Überdosis mehr Glücksspiel durch eine Änderung des Glücksspielstaatsvertrags durch die Ministerpräsidenten hoffen jetzt jedoch die Anbieter. Die Regierungschefs beraten am heutigen Mittwoch darüber.Bisher hält sich der Glücksspielmarkt in Deutschland in Grenzen, verglichen mit anderen EU-Ländern. Die Bruttoerträge der Glücksspielanbieter - die den Verlusten der Spieler entsprechen - betrugen im vergangenen Jahr 4,2 Milliarden Euro beim Lotto und 3,3 Milliarden bei den gewerblichen Daddelmaschinen. Hinzu kamen 640 Millionen beim Wetten, 690 Millionen bei den Casinos und 890 Millionen beim illegalen Onlinespiel. Arme spielen überproportional viel. Das Geschäft wäre noch stark ausbaufähig. Das erklärt die geschäftliche Aufregung, die illegalen Angebote und die Prozessierfreude der auf den deutschen Markt drängenden Anbieter. Und den Einsatz von Sportfunktionären für Sportwetten - als hätte es keine Wettskandale gegeben.Trotz aller Schilderungen, wie erfreulich Steuereinnahmen aus dem Glücksspiel sind und wie viel Gutes für Sport und Kunst mit dem verlorenen Geld der Spieler getan werden kann - es lohnt ein Blick auf die dunkle Seite des Metiers: Die Zahl der pathologischen Spieler in Deutschland beträgt weit über 200 000. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet dies: Finanzdesaster und großes Leid. Für den Umsatz der Industrie sind sie jedoch entscheidend - kranke Spieler verspielen mehr als das Zehnfache von gesunden. Dies zwingt die Industrie, die Spielstruktur, das Design der Maschinen und das Marketing der Spiele darauf auszurichten, Sucht zu erzeugen und auszunutzen. Mit Erfolg: 56 Prozent der Daddelmaschinen-Umsätze stammen von Kranken. Bei Spielbanken sind es 38 Prozent, bei Online-Spielen 60 Prozent - und nur bei den staatlichen Lotterien sind es lediglich vier Prozent.Kranke sind das Fundament dieser Branche. Die Kosten, die Hunderttausende süchtige Glücksspieler verursachen, werden im Steuer- und Sozialsystem abgeladen. Glücksspiel auf der Grundlage kranker Menschen rechnet sich nur für die Industrie. Nicht für den Staat: Er verliert an Ausgaben für die Kranken mehr, als seine Einnahmen ausmachen. Die öffentlich hinausposaunten guten Taten aus den Glücksspielgeldern dienen lediglich dazu, die tatsächliche Bilanz zu verschleiern.Weil die Branche umfassenden Zutritt zum Markt haben möchte, bekämpft sie das Verbot des Glücksspiels im Internet sowie das weitgehende Monopol der Länder. Das Monopol bewirkt einen zurückhaltenden Marktauftritt und verhindert Betrug an den Spielern. Dem Staatsmonopol unterliegen alle Glücksspiele, mit Ausnahme der Geldspielgeräte. Diese Daddelmaschinen stammen von privaten Anbietern und werden vom Bundeswirtschaftsministerium zugelassen. Allerdings: Es wird seiner Aufgabe immer weniger gerecht. In den vergangenen Jahren hat es toleriert, dass der Schutz der Spieler heruntergefahren wurde - und immer schnellere Maschinen auf den Markt kamen. Sie beschleunigen den Kontrollverlust des Spielers und machen daher besonders schnell süchtig. Die Folge: Während die Umsätze bei den von den Ländern geregelten Glücksspielen wie Lotterien und Spielbanken in den vergangenen beiden Jahren um 16 Prozent zurückgingen, dehnte sich der Markt mit den gefährlichsten Spielen um 18 Prozent aus.Einigen Ministerpräsidenten scheinen ausgerechnet die Daddelmaschinen als Vorbild zu dienen: Sie streben eine weitgehende Freigabe des Glücksspiels für private Anbieter an - bei deren gleichzeitiger Kontrolle durch den Staat. Auf dem Papier vereint dies die Effizienz des Marktes mit dem Schutz der Spieler. In der Wirklichkeit würde dies wie immer bei derart kontrollierten Branchen enden: Die Kontrolle würde in kurzer Zeit von den Verbänden ausgehebelt. Gesundheits- und Sozialministerien wären machtlos, weil in den Aufsichtsräten der Glücksspielanbieter sehr schnell die jeweils entscheidenden Politiker ihr Zubrot finden würden. Demgegenüber ist ein Staatsmonopol ungleich besser zu kontrollieren und auf den Schutz der Menschen auszurichten; auch wenn es mit den üblichen Effizienzverlusten öffentlicher Verwaltung einhergeht. Die staatliche Behäbigkeit ist beim Glücksspiel nicht die schlechteste Nachricht.Der Europäische Gerichtshof hat vor kurzem festgestellt, Deutschland verhalte sich bei der Bekämpfung der Spielsucht widersprüchlich. Die Richter verlangten eine in sich stimmige Glücksspielpolitik. Es gehe nicht an, einerseits den Schutz der Spieler zu postulieren, und andererseits so viel Werbung fürs staatliche Lotto zu machen - und dann auch noch nachgiebig bei den Daddelmaschinen zu sein. Was folgt daraus? Deutschland sollte nach Schweizer Vorbild ein völliges Verbot von gewerblichen Geldspielautomaten vorsehen - zumindest aber ihre Rückentwicklung zu dem, was sie behaupten zu sein: ungefährliche Unterhaltungsgeräte. Dazu muss ein Spiel mindestens 60 Sekunden dauern, nicht aber schon nach fünf Sekunden zu Ende sein können.Besonders gefährlich ist das Glücksspiel im Internet. Es ist das bequeme und heimliche Casino zu Hause mit Verlockungen durch ansonsten nicht mögliche Marketingstrategien: Eine von den Anbietern optimierte Abfolge des Spielangebots ermöglicht die Verschleierung der laufenden Gesamtverluste durch verspätete Wahrnehmung beim Spieler. Er wird durch neue Spiele und besonders günstig erscheinende Angebote von den bereits gemachten Verlusten abgelenkt. Es kommt zu einem noch rascheren Kontrollverlust, zu pathologischem Spielen. Die Familie merkt von dem heimlichen Hobby erst etwas, wenn der Gerichtsvollzieher klingelt.Glücksspiel im Internet ist zu Recht vollständig verboten. Allerdings setzt der Staat dieses Verbot nicht entschlossen durch. Auf die Banken, die die finanziellen Transaktionsmöglichkeiten dafür bereitstellen, sind die gesetzlichen Strafen anzuwenden - und diese sind deutlich zu erhöhen. Maximal sechs Monate Freiheitsentzug für die Beteiligung am unerlaubten Glücksspiel sind lächerlich. Noch ist Deutschland kein Spielerparadies. Und das ist gut so. Für die Spieler.(c) Sueddeutscher Verlag GmbH, Muenchen
 
 
 


Spiel ohne Grenzen

Fast 300 000 Menschen in Deutschland gelten als süchtig - die Länder schlagen Alarm

Frankfurt - Das Elend begann mit zwei Euro. So viel steckte Harald W. aus Neugier in einen Spielautomaten. "Zwei Tage später hatte ich daraus 1000 Euro gemacht", sagt er, "und war spielsüchtig." Von nun an verlor er erst Geld, dann die Kontrolle über sein Leben. "Das entwickelte sich zum Rausch", sagt er, immer kühnere Lügen dachte er sich aus, um an Bares fürs Spielen zu kommen. Von seiner Mutter erbettelte er sich 200 Euro, weil er angeblich den Geldbeutel verloren hatte. Sie machte einen gewaltigen Fehler, sie lieh ihm ihre Bankkarte. Harald W. spielte die ganze Nacht und den folgenden Tag, 30 Stunden lang, er aß nur einen Schokoriegel. Als er schließlich zitternd zusammenbrach, hatte er das Konto seiner Mutter leergeräumt. Bis ihre Karte nichts mehr hergab.

Viele Geschichten von Spielsüchtigen klingen derart dramatisch, Experten schätzen, dass bis zu 290 000 Menschen in Deutschland betroffen sind - die meisten von ihnen hängen an den Automaten. Jetzt wollen die Bundesländer schärfer gegen die stark wachsende Spielhallenindustrie vorgehen. "Wir sehen Regulierungsbedarf", sagt der Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Martin Stadelmaier. "Wenn der Bund nicht handelt, werden wir das selbst tun." So könnte man die Zulassung von Spielhallen und die Zahl der Automaten darin beschränken. "Wir haben unsere Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft", sagt Stadelmaier.

Zuvor hoffen die meisten Länder allerdings, dass die Bundesregierung das Problem endlich angeht. Für die "Unterhaltungsautomaten" ist offiziell das Berliner Wirtschaftsministerium zuständig. Scharfe Regeln werden dort zum Verdruss der Länder nicht erlassen. Im Gegenteil: "Die am 1. Januar 2006 in Kraft getretene Spielverordnung war ein Glücksfall", jubelte ein Branchenvertreter im Juli in der Fachzeitschrift Automatenmarkt. Sie habe "zu einem Wachstumsschub und zu einer sichtbaren Expansion unserer Branche" geführt. Erlaubt wurde unter anderem, mehr Automaten pro Spielhalle aufzustellen.

Mittlerweile blinken in Deutschland 212 000 Spielautomaten, Tendenz weiter steigend. Die Kunden steckten im vergangenen Jahr 3,34 Milliarden Euro in die Geräte, 2005 waren es noch 2,35 Milliarden Euro. Viele der Spielhallen haben praktisch rund um die Uhr geöffnet. Einige Kommunen versuchen, den Boom mit strengeren Vorschriften, zum Beispiel für Parkplätze, zu bremsen.

Wie unsystematisch und renovierungsbedürftig das deutsche Glückspielrecht ist, beleuchteten kürzlich die Richter des Europäischen Gerichtshofs. Es passe nicht zusammen, urteilten sie, dass der Staat eisern ein Monopol auf das eher harmlose Lottospielen verteidige und sich dabei auf den Schutz vor der Spielsucht beruft, aber zugleich die viel riskanteren Automatenspiele unkontrolliert wachsen lasse. Seither wackelt das deutsche Monopol.

Dieses klare Urteil lässt den Ländern nur zwei Möglichkeiten: Entweder schaffen sie es, die Spielhallen an die Kette zu legen, oder sie müssen ihr Glücksspielmonopol aufgeben und damit auch sichere Steuereinnahmen in Milliardenhöhe. An diesem Donnerstag und Freitag diskutieren die Regierungschefs in Magdeburg über die heikle Frage. Die meisten wollen ihr Monopol verteidigen. Doch vor allem Schleswig-Holstein dringt auf eine Liberalisierung. Auch FDP-Landesminister wünschen sich zumindest die teilweise Öffnung für private Wettanbieter mittels staatlicher Konzessionen.

Indessen setzt die Automatenindustrie auf Bewährtes: ihren engen Draht zur Politik. Regelmäßig stellen die Verbände und Firmen ihre Geräte bei Parteitagen auf, auch bei Sommerfesten sorgen sie gern für Unterhaltung. Generell ist die Branche recht agil: "Ich habe nur wenige Bereiche erlebt, in denen wir so massiver Lobbyarbeit mit Verlockungen und Drohungen ausgesetzt sind", sagt ein hochrangiger Länderpolitiker.

Harald W. versucht, den Geräten aus dem Weg zu gehen. Sein Geld verwaltet mittlerweile seine Freundin. Bald beginnt er eine Therapie - mal wieder.